Kamera-Ethnographie ist aus Einflüssen kulturanthropologischer und soziologischer Ethnographie entstanden. Sie verknüpft teilnehmendes Beobachten mit blickender Kameraführung und Video-Analyse mit fokussierendem Schnitt. Der Entwurf interessanter Blicke und die Entdeckung von Aspekten des Feldes sind beim Drehen und Schneiden stets miteinander verwoben. Aufgrund der intensiven Arbeit an Blick und Bild taugt Kamera-Ethnographie dazu, die Dynamik des Sehens und Verstehens zu gestalten und eine Kultur dichten Zeigens zu entwickeln.
Mögliche Anwendungsbereiche der Methode liegen insbesondere dort, wo die Pfade des Interviews verlassen und Wege der Beobachtung und Beschreibung eingeschlagen werden. Kamera-Ethnographie interessiert sich für die "Wie- und Wann-Fragen" alltäglichen Handelns: für Choreographien und Performanz, Räume und Rhythmen, für Körperlichkeit, Bewegung, Gestik und Mimik, für Interaktionen, Klang und das Reden als Sprechakt. Anstatt anhand der Macht der Bilder zu behaupten: So sei es, denn das sähe man ja! geht es der Kamera-Ethnographie um einen anderen Gestus: Blick-Positionen werden bezogen und angeboten, die zum Dialog einladen über das Feld und die Möglichkeiten, es zu erblicken. Aus objektivistischer Dokumentation wird so eine positionierte Imagination sozialer Sinnstrukturen.
Kamera-Ethnographie in fünf Phasen:
Phase 1: Blickschneisen
Die Kamera wird zum „Caméra Stylo“. Ohne festen Drehplan geht die Ethnographin/ der Ethnograph im Feld auf Blicksuche und formuliert dabei audiovisuelle Field Notes.
Phase 2: Versuchsanordnungen
Beim fokussierenden Schneiden werden durch experimentelle Arrangements der Bildsequenzen weitere Forschungsfragen und Blickstrategien entworfen.
Phase 3: Dichtes Zeigen
Die erarbeiteten Sichtweisen werden im Hinblick auf eine audiovisuelle Publikation rhetorisch, ästhetisch, dramaturgisch und didaktisch bearbeitet.
Phase 4: Rezeption des Gezeigten
In der Rezeption ereignen sich ausgehend vom Video die Blickstile der jeweiligen Rezipienten, was Stoff für Feedback-Erhebungen bietet.
Phase 5: Reflexion
Medialität, Methodologie, Gezeigtes und nicht Gezeigtes zu reflektieren und so das eigene Tun mit zu beforschen, sorgt für kontinuierliche methodologische Innovation.
In der pädagogischen Forschung wird Kamera-Ethnographie gerade erprobt, aber auch in anderen Disziplinen stößt die Methode auf Interesse, da sie eine anspruchsvolle Alternative zur verbreiteten Videodokumentation anbietet. In dieses Labor der Methodenentwicklung sind Sie herzlich eingeladen!
Die Produktion einer kamera-ethnographischen Studie (Video-DVD) können Sie im Rahmen Ihrer ethnographisch orientierten Forschungsprojekte in Auftrag geben: kontakt@kamera-ethnographie.de.
Beratung und Fortbildung zum ethnographischen Forschen mit der Kamera: > Workshops